Hochsensible Kinder

Die Zahl hochsensibler Kinder

… ist seit 20 Jahren am Wachsen. Trotzdem werden sie häufig nicht erkannt. Meist fallen im schulischen Umfeld nur ihre Konzentrationsschwäche, Leistungsausfälle und geringe Belastbarkeit auf. Daran wird dann mühsam gearbeitet.

Dazu kommt ein für die Eltern manchesmal unerklärliches, unlogisches Verhalten. Vielleicht wundern sie sich auch über die stark reagierenden Sinne des Kindes. Auf der Straße ist es zu laut, in der vollen Straßenbahn riecht es unangenehm, der weiche Pullover fühlt sich auf der Haut kratzig an, etwas kann einfach nicht gegessen werden usw.

Es ist gut möglich, dass ebenso eins oder beide Teile der Eltern hochsensibel sind und sich dessen erst über das Wesen ihres Mädchens oder Jungen bewusst werden. Die Eltern mussten eben zu ihrer Zeit einfach funktionieren und konnten sich vieles nicht leisten. Spüren aber im Innern dieses leichte Gefühl des Versagens, weil sie in der rauhen Welt nicht ganz mithalten. Und spüren auch das Verlangen nach einer inneren „Nahrung“, nach etwas, was ganz zu ihnen passt.

Es ist schon eine interessante und immer wiederkehrende Geschichte der Vielfältigkeit hochsensibler Menschen, die sich nun verstärkt in den Kindern fortsetzt.

Sie erhalten in meiner Praxis  Hilfe für Ihr Kind und Tipps im Umgang mit der ausgeprägten Sensibilität. Diese erleichtern und vereinfachen den Alltag. Manchmal ist nämlich ein unkonventionelles Herangehen sinnvoll. Auch das Lern- und Konzentrationsvermögen kann gefördert werden. Meine Erfahrung mit hochsensiblen Schulkindern seit 2011 fließt darin ein. Und ebenso die Fähigkeiten/ Gaben, die mir meine eigene Hochsensibilität zur Verfügung stellt.

So kann übrigens auch das Leben  für die Eltern wieder einfacher werden.

Darüberhinaus haben hochsensible Kinder oft besondere Begabungen, die erst durch eine veränderte Herangehensweise ins Blickfeld rücken. Um sie fruchtbar werden zu lassen, bedarf es dieser veränderten Sichtweise durch die Umgebung, zu der ich Ihnen Anregung geben möchte.

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Novalis

D

Einer der hochsensiblen und hochbegabten Schriftsteller war Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Er vertiefte sich von klein an in disziplinierte, geistig forschende Arbeit und schrieb. Sein Tätigsein wirkte sich auch auf seine berufliche Entwicklung aus: Mit 27 Jahren wurde er bereits Salinenassessor in Weißenfels, doch starb er ein Jahr später.

Das Dichten sah Novalis gar nicht als die Haupt-, sondern als Nebensache seines Lebens an, doch gerade damit blieb er bis heute bekannt. Aus dem übervollen Geist des Erlebens und Verarbeitens quollen in wenigen Jahren Lyrik wie Prosa, die nachfolgende Dichter nachhaltig beeinflussten. Sie geben uns bis heute einen Hauch von Unsterblichkeit, doch fordern sie Zeit der Beschäftigung und Lebensreife, um verstanden zu werden. Duch die Zeilen hindurch erklingt ein Ton, der katalytisch wirkt. Damit meine ich: belebend und Prozesse beschleunigend, wie ein Katalysator eben.

Das ist nicht verwunderlich, denn er selbst verstand die heilende Wirkung von Dichtung so:

„Poesie ist die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt.“

 

Novalis,  der zuletzt in Weißenfels wohnte, wird der Frühromantik zugeordnet (einer Zeit enormen geistigen Aufbruchs im Bürgertum) und war mit Friedrich Schiller eng befreundet.


Welchen Bezug hat nun Novalis zu den Hochsensiblen? Ich würde so gerne eine Stunde lang darüber sprechen. Hier wähle ich nur einige Gedanken kurz aus:

Da erleben Sie zunächst einmal Komplexität und Verdichtung: Sein persönliches Erfahren der Welt verarbeitet Novalis wie alle Hochsensiblen auf mehreren Ebenen und in vielerlei Beziehung zueinander –  geschult durch weit reichende Bildung des Herzens und des Geistes. Über seine Begabung der Sprache „veräußert“ er sie wieder – das heißt, er teilt das Verarbeitete dem Außen mit.

Zudem fragt Novalis nach dem Sinn. Und um die Frage nach dem Lebenssinn kommen sehr sensible Menschen nicht herum. Schon allein um sich in der Überfülle an Reizen zurecht zu finden und um ein Auswahlkriterium für ihr Verarbeitungsmodell zu haben. Doch sie fragen auch, weil sie spüren, dass es weit mehr gibt als eine Welt der Verlockungen durch die Materie, für deren oft dumpfe Erfüllung geschuftet werden muss. Denn der Wunsch nach dem Haus, dem Auto, dem Boot – der ist es meistens nicht.

Und schließlich: Novalis als Naturwissenschaftler – er besuchte die Bergakademie in Freiberg, bereits damals bedeutende naturwissenschaftliche Bildungsstätte – fühlt sich einer sprituellen Kraft verbunden. Er erkennt im gesetzmäßigen Wirken innnerhalb der Natur eine darüber hinaus waltende und ordnende Kraft, die jeder menschlichen Intelligenz und ebenso dem menschlichen begrenzten Anspruch ans Leben überlegen ist.


Da Novalis`Poesie heute nur noch schwer zu verstehen ist, habe ich das Gedicht (erschienen vor 1801) übrigens in ein moderneres Deutsch übertragen und zu Füßen des Originals eingestellt..

Letzter Hinweis: Das lyrische ICH darf nicht eins zu eins mit der Person des Autors gedacht werden.

                        Anfang

  Es kann kein Rausch sein – oder ich wäre nicht
Für diesen Stern geboren – nur so von ohngefähr
In dieser tollen Welt zu nah an
Seinen magnetischen Kreis gekommen.

Ein Rausch wär wirklich sittlicher Grazie
Vollendetes Bewußtsein? – Glauben an Menschheit wär

Nur Spielwerk einer frohen Stunde –?
Wäre dies Rausch, was ist dann das Leben? Soll ich getrennt sein ewig? – ist Vorgefühl
Der künftigen Vereinigung, dessen, was
Wir hier für Unser schon erkannten,
Aber nicht ganz noch besitzen konnten –Ist dies auch Rausch? so bliebe der Nüchternheit,
Der Wahrheit nur die Masse, der Ton, und das Gefühl der Leere, des Verlustes
Und der vernichtigenden Entsagung.

Womit wird denn belohnt für die Anstrengung
Zu leben wider Willen, Feind von sich selbst zu sein
Und tief sich in den Staub getreten
Lächelnd zu sehn – und Bestimmung meinen.

Was führt den Weisen denn durch d[es] Lebens Tal,
Als Fackel zu dem höheren Sein hinauf –
Soll er nur hier geduldig bauen,
Nieder sich legen und ewig tot sein.

Du bist nicht Rausch – du Stimme des Genius,
Du Anschaun dessen, was uns unsterblich macht,
Und du Bewußtsein jenes Wertes,
Der nur erst einzeln allhier erkannt wird. Einst wird die Menschheit sein, was Sophie mir
Jetzt ist – vollendet – sittliche Grazie
Dann wird ihr höheres Bewußtsein
Nicht mehr verwechselt mit Dunst des Weines.

Anmerkung: Die Erwähnte ist sicher Sophie von Kühn, die junge Verlobte Novalis´, die bald schwer erkrankte und mit 15 Jahren verstarb.


Anfang
(freie Übertragung)

1) Das kann kein Rausch sein [Trug, Einbildung, Illusion; Nebel, Verwirrung, Hirngespinst] – oder ich wäre nicht für diese Erde geboren, sondern nur durch Zufall in diesem verrückten Kosmos zu nah an die Anziehungskraft jenes Planeten gekommen.

[Das kann keine Einbildung sein, denn sonst hieße das, ich wäre ohne irgendeinen Plan als Außerirdischer von weit her kommend in die Schwerkraft der Erde geraten und hier gelandet und mit meinen Ideen fremd und machtlos wie ein solcher.]

2) Ein starkes Bewusstsein von Anstand, Reinheit und Schönheit des Herzens soll Rausch sein? An das Gute im Menschen zu glauben soll nur eine beschwipste Gedankenspielerei sein? Wenn dies nur Illusionen sind, was soll dann das reale Leben [ohne diese Illusionen] sein? -trostlos.

3) Soll ich mich ewig als Halbes eines Ganzen fühlen? Ist dieses Vorgefühl einer [künftigen] Vereinigung, diese Ahnung von Verschmelzung, die wir bereits in Ansätzen erlebten, aber hier auf der Erde noch nicht gänzlich leben konnten [weil Du so früh gestorben bist – aber auch, weil nicht nur du gemeint bist, sondern die Vereinigung mit dem Göttlichen: eine Liebe, deren Abglanz wir beide hier erlebten],

4) Ist dies ebenso ein vergebliches Trugbild ohne Chance, sich jemals zu verwirklichen?
Dann bliebe nur Nüchternheit übrig, Masse angeblicher Wahrheit, aber ohne Qualität und außerdem das Gefühl von Leere, schrecklichem Verlust und mich kaputtmachender Entsagung.

5) Womit wird denn für diese Mühe und Anstrengung, widerwillig leben zu müssen und sich selbst Feind zu sein, belohnt? Oder dafür, sich in den Staub getreten zu fühlen und dabei [mit zusammengebissenen Zähnen] zu lächeln – und diesen Zustand auch noch „Das ist meine Bestimmung.“ zu nennen?

6) Wenn das Alles sein soll: Schaffe, schaffe, Häusle baue, sterben und für immer aus und vorbei – wie soll da ein Weiser zu etwas Höherem kommen? Und was hilft ihm dabei wie ein Licht in der Dunkelheit?

[Weil ich diese enge Beschränkung des menschlichen Lebens auf rein materielle Dinge und die Mühsal, die mit dem Menschsein verbunden ist, aus vielerlei Perspektiven als schmerzlich erfahre, ja eigentlich gar nicht ertragen kann, und weil ich es in starkem Maße anders wahrnehme, halte ich die folgenden Worte dagegen:]

7) Du bist ganz und gar keine Einbildung, [Stimme des Höheren] du Ahnung von dem, was uns unsterblich macht. Und auch du nicht, du Bewusstsein vom Wert dieses Geistigen, der von Einzelnen bisher erst erkannt wird.

8) Einst wird die ganze Menschheit das in sich tragen, was auch Sophie in sich trug, was ich in großer Ergriffenheit in ihr [und auch in mir] erkannt habe:
Anstand, Reinheit und Schönheit des Herzens, Verbundenheit mit Allem, was ist, Verantwortlichkeit und Rechtschaffenheit, nicht allein Materie sondern auch Geist. Ein geistiges, zugleich schaffendes Bewusstsein, das mit dem Göttlichen verschmolzen ist.
Wenn es soweit ist, wird niemand „höheres Bewusstsein“ mehr für eine Schnapsidee halten.