Texte zur Linkshändigkeit

Hand_1Der Start – die Quelle zum Fließen bringen

Es gibt für einen umgeschulten Linkshänder nichts Wundervolleres, als endlich auf die ihm gemäße Art leben zu können und endlich auch zum Scheiben die linke Hand zu benutzen. Daher empfehle ich grundsätzlich immer eine Rückschulung. Der richtige Zeitpunkt dafür hängt allerdings von verschiedenen Faktoren wie dem eigenen Wunsch, der Familien- und Berufssituation o.a. ab. Dies werden wir gemeinsam klären. Manchmal heißt es auch noch warten.

Japanischer -Garten_klein

Wenn es los geht: Nach meiner Erkenntnis beginnt ein jeder Linkshänder am besten da, wo er aufgehört hat, einer zu sein. Zusammen finden wir das heraus und entwickeln einen vielseitigen Plan zur Vorbereitung des Schreibens mit links. Diese Vorarbeiten sind meist spielerische Nachholaktionen, die Entwicklungen wieder anstoßen, die bereits durch die Umschulung unterbrochen worden sind. So kann sich das räumliche Sehen weiter entwickeln, die Hand-Auge-Koordination verbessern, das Gefühl, mit sich im Einklang zu sein, verstärken.

Bereits hier geht es um eine sehr grundlegende Erfahrung, die bedauerlicherweise so vielen umgeschulten Linkshändern verwehrt bleibt: Ich kann mich auf mich verlassen.

Die spielerischen Übungen bereiten außerdem das komplexe Schreiben vor, das für den Linkshänder, der dann seine Hand schieben muss und nicht bequem ziehen kann, eine etwas größere Herausforderung darstellt. Auch beim Schreiben soll sich doch eine mühelose Routine einstellen können.

WIE das am besten geht, erlernen Sie oder Ihr Kind anschließend während mehrerer Konsultationen gründlich.

Für Schulkinder empfehle ich außerdem eine Informationsveranstaltung für die weiteren Familienangehörigen und andere enge Bezugspersonen wie Lehrer und Erzieher.

So, wie die beiden Hände des Menschen unterschiedlich aussehen, so sind sie auch in ihren Fähigkeiten unterschiedlich ausgerichtet.

Vielleicht sind Sie selbst ein umgeschulter Linkshänder/ eine umgeschulte Linkshänderin und suchen Informationen, um die Spezifik Ihres Lebens zu verstehen und Anregungen, mit ihr umzugehen.

Händigkeit ist eins der sensiblen Themen unserer Zeit. Eine Umschulung, das heißt das Schreiben mit der schwächeren Hand, kann schwerwiegende Folgen für die Gesundheit, das Leistungsvermögen und Wohlbefinden der Betroffenen haben.

Trotz des Belassens der Händigkeit in der Schule geschehen immer noch Umschulungen im Kindergartenalter oder sogar früher. Gründe dafür sind meist Unwissenheit, der Wunsch, es einem linkshändigen Kind im rechtshändig ausgerichteten Alltag leichter zu machen oder auch Vorbehalte gegen Linkshändigkeit.


Die begabtere Seite

Es fiel den Menschen natürlich schon immer auf, dass sie nicht zwei völlig identische Hände besitzen. Nicht nur ein Blick auf ihre Form und die Linienzeichnung in der Innenseite der Handfläche zeigten das, sondern auch die spontane Wahl einer Hand für kompliziertere oder anstrengendere Tätigkeiten.
So wurden denn auch über Jahrtausende Werkzeuge oder Musikinstrumente sowohl für die linke als auch für die rechte Hand gefertigt. Erst in den letzten 300 Jahren hat sich die Bevorzugung einer Benutzungsweise durchgesetzt. Ein Grund dafür war beispielweise die Entwicklung von Maschinen, die in der Massenproduktion mündete. Nun war rechts eindeutig in.

Unabhängig von der bevorzugten Seite stellt sich doch aber die Frage, was kann eigentlich die starke Hand im Vergleich zu schwächeren?

Wenn sie gut ausgebildet ist, also von klein auf geübt und benutzt wurde, ist sie diejenige, die immer dann eingesetzt wird, wenn Tätigkeiten, eine hohe Genauigkeit verlangen, oder eine gute Koordination der ausgeführten Bewegungen. Auch einen besonderen Krafteinsatz oder eine Tempobeschleunigung während einer Handlung meistert die dominante Hand leichter und besser als die andere.


Autobiographisches: Seit fast 20 Jahren beschäftige ich mich intensiv und aktiv mit dem Thema Linkshändigkeit.

Im Kindergarten und durch meine selbst umgeschulte Mutter wurde ich auf die rechte Hand umprogrammiert, und zwar so gründlich, dass ich tatsächlich fast Alles mit rechts getan habe, statt spielerisch und locker mit links.

Literatur während des Studiums weckte in mir das Bedürfnis, mich meiner eigenen Händigkeit wieder anzunähern. Doch erst einige Jahre später begann der kontinuierliche und befreiende Weg der Rückschulung auf die linke Hand. Nicht nur schreibe ich seit 2002 mit links, sondern nach und nach erlangte ich immer mehr Fertigkeiten mit dieser Hand. So lernte ich nicht nur Brotschneiden und Kartoffelschälen noch einmal neu,  sondern auch häkeln oder sticken. Überraschend war es für mich, dabei endlich auch Freude an Tätigkeiten gewinnen, die mir als Kind nicht nur tiefe Versagenserlebnisse eingebracht hatten, sondern auch eine jahrzehntelange Abneigung z.B. gegen Handarbeit.

Das Praktische ist das eine. Ein Neulernen im Denken, Fühlen und Handeln ist die andere Seite. Denn eine Rückschulung auf die linke Hand zu beginnen, heißt sich auf den Weg zu sich selbst zu begeben. Gefühle sind nun nicht mehr nur geborgt. Entscheidungen werden im Kontakt zu meiner inneren Stimme getroffen, ich kann immer mehr zu mir stehen und mich an mir selber freuen.

Begleitet war und ist diese Zeit von einer Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur zum Thema Linkshändigkeit, mit mir selbst und mit den Strukturen unserer Gesellschaft.


Rückschulung

… Als erstes beobachtete ich, wie wohl ich mich mit mir selber fühlte, wie natürlich es sich anfühlte, den Stift in der linken Hand zu halten. Ich dachte nicht lange an Schwungübungen oder eine andere langsame Vorbereitung und Gewöhnung meiner linken Hand, sondern schrieb und schrieb und schrieb. Ich wollte gar nicht mehr aufhören, weil ich das Gefühl hatte, dass jedes Wort mich näher zu mir bringt. … Da ich es gerne übertreibe, schrieb ich, bis mir die Hand und die Schulter weh taten. Es war mir egal. Ich saß endlich im richtigen Boot. Endlich!!! Daran zweifelte ich gar nicht, Zweifel bekam ich, immer mal wieder vorübergehend, aber erst lange Zeit später.

Mein zweite Beobachtung war regelrecht spektakulär: „…Und der Vorhang (im Tempel) zerriss…“. Erst im Nachhinein, als sie nicht mehr da war, konnte ich beschreiben, was ich in den mehr als 20 Jahren zuvor vor mir stehen hatte: Eine Milchglasscheibe, die mich von der Welt trennte. Sie zerfloss einfach, wurde zu Wasser und zerrann, sie war weg. Ab jetzt stand ich also richtig und mit allen Sinnen in der Welt. Ich schrieb weiter, ich wechselte von den kleinen dünnen A-5-Heftchen auf dicke A-4-Spiralblöcke. Ich malte. Ich schrieb Gedichte…

Wer würde ich sein? Mit den erstaunlichen Fortschritten der ersten Wochen wuchs das starke Bedürfnis, zu verstehen, was sich da veränderte. Mit den Veränderungen der nächsten Jahre, die ich genau betrachtete und bedachte, über die ich mich mit einer rückschulenden Freundin austauschte und die ich teils dokumentierte, verstand ich vor allem aber ersteinmal, wer ich bis dahin gewesen war. Was die fast ausnahmslose Benutzung der rechten statt meiner linken Hand im Verbund mit meinen sonstigen Lebensumständen angerichtet hatte.

Kleinteilige geistige Entwicklungen hatten nicht stattgefunden. Das fiel nicht mal allzusehr auf. Fast nur ich bemerkte damals meine vielen kleinen Defizite. Ich konnte allerdings wie viele Linkshänder mit enormen Krafteinsatz gut kompensieren und schaffte dadurch sowohl Abitur als auch Studium und erhielt sogar die Anfrage zu promovieren.

Doch nun, unter anderem Vorzeichen, hieß es lernen, lernen, lernen. Denn wieder und wieder gingen Fenster auf, die mir ermöglichten, etwas zu tun oder zu lernen, also nachzuholen, was eigentlich in die Zeit der Kindheit gehörte. Durch offene Fenster soll man reinklettern, sonst schließen sie sich wieder, und man wird nie erfahren, welcher Schatz dahinter verborgen ist. So fand ich mich eines Tages mit Malbüchern für Vorschulkinder.

Mit Farben konnte ich bereits gut umgehen, doch noch immer nicht gegenständlich malen. Dass es etwas mit dem Sehen zu tun haben musste, war mir lange klar. Doch was? Im Idealfall lernt das kleine Kind, die runden Formen, die es in seinem gegenständlichen Umfeld dreidimensional sieht, mit den Kreisen, die es zweidimensional auf dem Papier malt, in Zusammenhang zu sehen, zu erleben. Für mich blieben sie zwei völlig verschiedene Welten. Um bis zum Ursprung zurück zu gehen, übte ich, runde Formen zu beobachten und anschließend auf dem Papier zu „dokumentieren“. Anschließend sah ich mir die Zeichnungen genau an und übertrug sie vor meinem inneren Auge zurück in die Realität. So lernte ich die Zeichnung durch die Vorstellungskraft „lesen“. Aha, die Vorstellungskraft war also in diesem Bereich blockiert. Die spielerische Unbefangenheit eines Kindes hatte ich dabei natürlich nicht.

Und dennoch: Seitdem liebe ich lernen.

Umschulung

Wer erinnert sich nicht an den einen oder die andere Mitschülerin in den ersten Schuljahren, die mühsam das Schreiben lernten und immer verkrampft mit dem Füllfederhalter kritzelten? Beim Schnellschreiben hinkten sie hinterher und eine 1 in Schönschrift war für sie eigentlich unerreichbar.

Vielleicht erinnern Sie sich da an einen Linkshänder, der, weil es eben so war, seine schwächere rechte Hand für eine hochkomplexe, wichtige Aufgabe schulen musste: das Schreiben.

Dass dies eine große Belastung für diese Kinder (und auch Erwachsenen) sein kann, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Darum wird in der Schule sehr darauf geachtet, ein jedes Kind mit seiner starken Hand schreiben zu lassen.

Doch was ist mit denen, denen es anders erging, weil sie zu einer Zeit eingeschult wurden, als dies noch keine Rolle spielte?
So mancher bekommt Probleme, die er vielleicht nie auf diese Umschulung auf die schwächere Hand zurückführen würde, wie Konzentrationsschwäche, schnelle Ermüdbarkeit, Denkblockaden oder motorische Ungeschicklichkeiten.
Bis hin zu Suchtverhalten, körperlichen Krankheiten, wiederholten Abbrüchen in Ausbildungen, Beziehungen, Wohnsituationen und nicht erreichten Zielen reicht die Palette der leider oft unterschätzten Folgen einer Umschulung von Linkshändern auf die rechte Hand.
Die Betroffenen sind häufig irritiert: Eigentlich bin ich doch intelligent – wieso packe ich es nicht? Eigentlich bin ich doch sportlich – wieso versage ich unter Leistungsdruck? Diese und andere Fragen mögen sie sich stellen.

So manch einer hat sich in dem grundlegenen Werk von Johanna Babara Sattler: „Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn“ wiedererkannt und sich gefragt. „Spricht sie da von mir?“. Sich so erkannt zu sehen und eine Fährte für die Ursachen der erlebten Hindernisse im eigenen Leben zu finden, kann eine große Befreiung sein. Schon lässt sich Vieles neu einordnen und eine neue Sicht auf sich selbst aufbauen. Das entlastet und gibt dem Leben einen bisher nicht gesehenen Wert.

Linkshänder unter uns

Sie sind mitten unter uns. Wir bemerken sie nicht. Sie fallen nicht auf. Sie leben wie jeder andere auch. Bis sie einen Stift in die Hand nehmen. An der Kasse wird eine Unterschrift geleistet. Die Bahncard muss unterschrieben werden. Die Paketsendung für den Nachbarn wird entgegen genommen. Bitte noch Ihren Namen auf den Screen des Scan-Gerätes kritzeln. Der junge Mann greift mit der linken Hand umständlich nach rechts, um dort den Stift entgegen zu nehmen, der ihm höflich, aber auf der „falschen“ Seite hingehalten wird, um den Empfang des Paketes zu quittieren. Das Band, an dem er besfestig ist, reicht nur für eine schräge Stifthaltung, aber ist ja egal, das wird sowieso niemand lesen wollen. Er sagt Auf Wiedersehen und schubst mit der linken Hand die angelehnte Tür seiner Wohnung auf. Dort legt er das Paket ab. Er ist Linkshänder.

Fiktives Interview „Linkshänder“ – Satire

Ich gehöre zu den etwa 8 Millionen umgeschulten Linkshändern in der ehemaligen DDR.
Was, so viele?

Jawoll, denn nach Forschungen der Prähistoriker und Erkenntnissen der Vererbungslehre ist bei etwa 40-50 % der Menschen die linke Hand die dominant. Macht also ungefähr… Doch sowohl in Westdeutschland als auch in der DDR wurde lange Zeit so gut wie jeder an das Schreiben mit der rechten Hand gewöhnt. Gezwungen, muss man wohl eher sagen. Erst in den 80er Jahren begann ein allmähliches Umdenken. Leider kann diese Falsch-Schulung auf die linke Hand aber gravierende Einflüsse auf das Leben der betroffenen Person haben.

Woran erkannt man einen umgeschulten Linkshänder?
Er braucht ewig, um seine Schuhe zuzubinden.

„Ich bin beidhändig.“, ist die häufigste und umstrittenste Aussage, die zu diesem Thema gemacht wird. Gibt es nicht, sagen die Forscher. Ja, schon, aber nur krankheitsbedingt oder als Folge einer leichten Wirbelverschiebung bei der Geburt, die es unmöglich macht, eine eindeutige Händigkeit auszubilden.

Woran erkennt man einen umgeschulten Linkshänder?
Der kommt aber auch überhaupt nicht zu potte. Äch, ist der umständlich (oder sie).

Was hat es denn damit auf sich, mit diesen Umgeschulten, wieso muss man da eigentlich ein Thema draus machen?

Es ist so, und damit hat sichs.
Naja, oder eben auch nicht. Es gibt einfach zu viele Linkshänder, die durch die Umschulung eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität erfahren haben, ohne dass sie überhaupt darauf kommen, womit das zu tun haben könnte. Und weil das so ist, wird ja auch heute verstärkt darauf geachtet, dass linkshändige Kinder nicht mehr umgeschult werden sondern mit ihrer dominanten Hand schreiben dürfen.

Eine Frau, die immer wieder auf die Probleme durch eine Umschulung hinweist und die eine Menge Forschungsarbeit zu diesem Thema geleistet hat, ist Frau Dr. Barbara Sattler aus München. Ihr Buch „Der umgeschulte Linkshänder. Oder Der Knoten im Gehirn“ aus dem Auer-Verlag beobachtet und erklärt so viel, dass es manchmal wie ein Schlüsselbuch für umgeschulte Linkshänder wirkt. Ein Aha-Effekt löst den Anderen ab: „Ach, damit hat das also bei mir zu tun. Dass ich immer links und rechts verwechsle, meine schnelle Ermüdung, die Rechtschreibprobleme…“
Frau Dr. Sattler leitet eine Beratungsstelle für Linkshänder in München. Zu mehr Literatur von ihr, wie beispielsweise Übungsheften zum Schreiben mit der linken Hand, kann man gut googeln. Inzwischen gibt es aber deutschlandweit fast flächendeckend Ergotherapeuten, Psychotherapeuten und Andere, die kompetente Beratungen sowie Tests zur Linkshändigkeit anbieten, mich inbegriffen.

Woran erkennt man einen umgeschulten Linkshänder?

Ständig hat er geniale Ideen, aber muss sich schrecklich mühen, sie umzusetzen.